Zeitzeugenberichte zum Kriegsende in der Diözese Rottenburg

Zerstörte Stadtkirche von Neckarsulm
Zerstörte Stadtkirche von Neckarsulm

80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es nicht mehr allzu viele Zeitzeugen, die das Kriegsende bewusst miterlebt haben und sich an den Einmarsch amerikanischer und französischer Truppen in ihrem Heimatort erinnern können. Die in den Archiven verwahrten zeitgenössischen Quellen bekommen dadurch eine immer größere Bedeutung. Von besonderem Wert sind dabei unmittelbar nach den Ereignissen aufgezeichnete Augenzeugenberichte. Das Diözesanarchiv Rottenburg verfügt in verschiedenen Beständen über derartige Schilderungen aus der Bischofsstadt und aus vielen Städten und Gemeinden in der württembergischen Diözese.

„Als wir nach der Sitzung des Dienstags auseinandergingen, bemerkte ich, diese Sitzung wird vielleicht historisch wichtig als die letzte für längere Zeit. Die fast nimmer aussetzenden Warnsignale Voralarm, Vollalarm, Vorentwarnung, akute Luftgefahr waren einem allmählich in Fleisch und Blut übergegangen, man machte sich nicht mehr allzuviel daraus, zumal wir des Nachts meistens Ruhe hatten. Gegen Abend wurde es aber akut gefährlich. Nach Vollalarm (…) fings an zu sausen und zu krachen. Wir lagen sofort am Boden.“

So beginnt der Augenzeugenbericht über den 17. April 1945 in Rottenburg, der im Diözesanarchiv im Nachlass des Domkapitulars und späteren Weihbischofs Wilhelm Sedlmeier überliefert ist. Auf ca. 200 maschinenschriftlichen Seiten werden in 58 Berichten die Ereignisse vom 17. April 1945 – also unmittelbar vor dem Einmarsch der Franzosen in der Bischofsstadt – bis Mitte Januar 1946 festgehalten.

Die ersten Berichte sind noch ganz geprägt von Schilderungen über letzte Kriegshandlungen und Zerstörungen, über Plünderungen und sexualisierte Gewalt durch Besatzungssoldaten und erste Kontakte der Diözesanverwaltung zu den Militärs. Zwar liegt der Fokus auf den Vorgängen in der Bischofsstadt Rottenburg, aber Sedlmeier notiert auch Nachrichten, die nach und nach von Geistlichen der näheren und ferneren Umgebung eintreffen. Schon Mitte Mai ändert sich der thematische Schwerpunkt. Nun treten die Gespräche und Verhandlungen mit den Militärbehörden und politischen Akteuren über den Aufbau neuer staatlicher Strukturen, die Wiederaufnahme des kirchlichen Lebens und die Reorganisation kirchlicher Institutionen in den Vordergrund. Als Referent für kirchenpolitische Angelegenheiten fungierte Sedlmeier als Bindeglied zwischen dem Bischöflichen Ordinariat und der Militärregierung, zumal er der französischen Sprache mächtig war. Sedlmeiers Berichte sind keine nüchtern-sachlichen Aufzeichnungen von Fakten, sondern persönliche Aufzeichnungen, geprägt vom eigenen Erleben, von Reflexionen und Kommentaren, Charakterisierungen und Beurteilungen der Akteure. Sie ergänzen die Verwaltungsakten um die subjektiven Wertungen eines Zeitzeugen.

Und wie stellte sich das Kriegsende andernorts in der Diözese Rottenburg dar? Zahlreiche Schilderungen zum Einmarsch alliierter Truppen und zur Besatzungszeit finden sich im Bestand „Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit“. Doch flächendeckende „Kriegsberichte“ aus allen Pfarreien, wie sie etwa im Erzbischöflichen Archiv Freiburg oder im Evangelischen Archiv Baden und Württemberg überliefert sind, liegen für die Diözese Rottenburg nicht vor. Anders als der württembergische Landesbischof und der Erzbischof von Freiburg hat das Bischöfliche Ordinariat Rottenburg die Pfarreien der Diözese nicht aufgefordert, derartige Berichte anzufertigen. So erklärt es sich, dass nur aus 65 von über 700 Gemeinden Schreiben vorliegen. Doch immerhin erhält man so punktuelle Eindrücke aus einzelnen Dörfern und Städten der französischen und amerikanischen Besatzungszone. Die meisten Schreiben stammen aus den Jahren 1945 bis 1949 und sind aus einem unmittelbaren Anlass heraus geschrieben. Sie sind also nicht nachträglich, mit zeitlichem Abstand zum Geschehen verfasst und stehen meist unter dem Eindruck des unmittelbar Erlebten. Die Themen sind breit gestreut: mehrseitige eindrückliche Schilderungen der letzten Kriegstage, minutiöse Aufstellung der von den Besatzungssoldaten beschlagnahmten Lebensmittel, Haushalts- und Wertgegenständen, vielerorts Berichte über Vandalismus, Misshandlungen und Vergewaltigungen durch Besatzungssoldaten, Briefe von Privatpersonen an Bischof Sproll mit Bitten um Unterstützung in persönlichen Notlagen, aber auch Anordnungen der Militärbehörden über die Abhaltung von Gottesdiensten, die Erteilung von Religionsunterricht oder die Wiederaufnahme des Kindergartenbetriebs. Selbst amtliche Korrespondenz von Bischof Sproll mit den Besatzungsbehörden und französischen Militärgeistlichen, mit staatlichen Stellen und vatikanischen Behörden befindet sich darunter. Um gezielte Recherchen in der chronologisch angelegten Akte zu ermöglichen, wurde sie mit einem Ortsindex erschlossen.