Kunstvolles Zeugnis gelebten Glaubens: Das Kirchenbuch der Pfarrei Schussenried von 1701 – 1749
Ein neuer Bestand im Diözesanarchiv Rottenburg wirft ein Schlaglicht auf die klösterliche Kultur des frühen 18. Jahrhunderts: Das Kirchenbuch der Pfarrei Schussenried von 1701 bis 1749 besticht neben den Einträgen zu Taufen, Firmungen, Trauungen und Beerdigungen durch seine kunstvoll gestalteten Titelblätter – ein besonderer Fund in den Kirchenbüchern.
Im Mittelpunkt der Seiten stehen die Titel der jeweiligen Rubrik, gefasst in verzierte Medaillons. Begleitet werden diese von Zeichnungen der jeweiligen Sakramentenhandlung: Wir sehen einen Täufling, der über ein Taufbecken gehalten wird, eine Firmung durch den Bischof, ein Brautpaar bei der Trauung durch einen Priester und Totenköpfe als Symbol für das Lebensende. Umrahmt wird die bildliche Gestaltung durch lateinische Segenssprüche und Bibelzitate. So wird die Taufe vom zentralen Spruch des Taufritus „Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ und einem Zitat aus Lukas 15,22 begleitet. Für die Beerdigungen wurde ein Zitat aus dem Brief an die Hebräer 9,27 gewählt: „Es ist den Menschen bestimmt, einmal zu sterben“.
Wer war nun der Illustrator dieser Kunstwerke?
Die Zeichnungen wurden vermutlich zusammen mit dem Band um 1701 angelegt und stammen damit aus einer Zeit, als die Pröbste und Äbte formal auch Pfarrer der Klosterpfarrei waren. Die Eintragungen im Band zeigen jedoch, dass an der Seelsorge zahlreiche Schussenrieder Ordensgeistliche beteiligt waren – allein im Jahr 1701 werden neun verschiedene Chorherren in den Taufeinträgen genannt. Es kann also nicht einfach vom Verfasser des Kirchenbuches auf den Illustrator geschlossen werden. Hinzu kommt, dass der Band keine Künstlersignatur enthält. Im Prämonstratenserorden legte man großen Wert auf Bildung und die Schreibstuben seiner Niederlassungen waren repräsentative Orte des Wissens. Die Schussenrieder Novizen studierten daher nicht nur im eigenen Haus, sondern auch an Universitäten Tübingen, Heidelberg, Freiburg, Dillingen, Prag und Rom. Es wären also einige Klosterangehörigen fähig gewesen, derartige Illustrationen anzufertigen.
Die Anlegung des Kirchenbuchs fällt in eine Phase des klösterlichen Aufschwungs. Während der Amtszeit von Abt Tiberius Mangold (1683–1710) wuchs der Konvent von 25 auf 33 Mitglieder. Die wirtschaftliche Lage war günstig, Herrschaft und Vermögen des Klosters konnten ausgebaut werden. Selbst umfangreiche Neubaupläne unter Mitwirkung des Vorarlberger Baumeisters Christian Thumb wurden erwogen – letztlich aber durch den Spanischen Erbfolgekrieg aufgeschoben. Vor diesem Hintergrund ist auch die aufwendige Gestaltung des Kirchenbuchs zu verstehen: Als Ausdruck klösterlichen Kultur, die über dessen Mauern hinaus bis in die alltägliche Praxis der Pfarrei ausstrahlte.

