Die Sommerzeit ist wieder da

Kirchturmuhr

Es mag überraschen, aber es gibt im Diözesanarchiv auch Akten über die ach so ungeliebte Sommerzeit. Erstmals eingeführt worden war diese in Deutschland 1916, mitten im Ersten Weltkrieg. Ziel war auch damals schon die Einsparung von Energie. Und genau in diesem Kriegs-Kontext sind die Akten des Diözesanarchivs entstanden, die deshalb auch im Bestand G 1.4: Erster Weltkrieg liegen. Im Deutschen Reich gab es erste Anzeichen für Unzufriedenheit und Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung. Das württembergische Ministerium für Kirchen- und Schulwesen forderte daher die beiden Kirchen dazu auf, über die Stimmung im Land und über die Erfahrungen mit behördlichen Kriegsmaßnahmen zu berichten. Zu diesem Zweck ordnete Bischof Keppler freie Konferenzen an, auf denen die Priester darüber diskutieren sollten und über die dann die Dekane vertraulich nach Rottenburg berichteten.

In diesen Stimmungsberichten spielte die Einführung der Sommerzeit eine erstaunlich große Rolle. Insbesondere bei der Landbevölkerung und bei der dortigen Geistlichkeit kam die Sommerzeit gar nicht gut an: „Die erste Klage betrifft die Sommerzeit“, berichtete der Dekan von Neckarsulm. Das Problem: Die Bauern richteten sich nicht nach einer künstlichen Sommerzeit, sondern nach der „natürlichen Sonnenzeit“. Sie stünden mit der Sonne auf und arbeiteten bis zum Sonnenuntergang. Eine Energieeinsparung finde also gar nicht statt, im Gegenteil, durch das Vorstellen der Uhr entstehe sogar ein Mehrbedarf an Licht.

Schulkinder aber arbeiteten traditionell in der Landwirtschaft mit. Ihnen fehle durch das frühe Aufstehen Schlaf. Darunter leide der Besuch des Gottesdienstes und die Konzentrationsfähigkeit der Kinder in der Schule, so der Bericht aus Saulgau. Ein Dekan brachte es auf den Punkt: „man könne zwar den Kindern befehlen, zu Bett zu gehen, aber nicht zu schlafen“.  Zwei besorgte Geistliche witterten gar sittlich-moralische Gefahren, wenn die Kinder zu früh bei hellem Sonnenschein „zu Bette geschickt“ würden.

Das Bischöfliche Ordinariat hatte die Einführung der Sommerzeit daher nie gutgeheißen: „Die Erfahrungen, die wir in unserm Geschäftskreis mit der Einführung der Sommerzeit gemacht haben, sind mit wenigen Ausnahmen ungünstige und sehr ungünstige“, fasste Generalvikar und Weihbischof Sproll 1916 etwas kurios zusammen. Gleichwohl setzte Rottenburg die angeordneten Maßnahmen während der Kriegsjahre gehorsam um. Die Kirchturmuhren wurden vorgestellt, die Glocken läuteten eine Stunde früher zu Gebet und Gottesdienst.

Gegen Kriegsende aber berichtete das Ministerium von unbotmäßigen evangelischen und katholischen Gemeinden: dort läute man offenbar die Kirchenglocken zur Mittagsstunde wieder zur normalen Zeit. Man wolle zwar keine Zwangsmaßnahmen ergreifen, schrieb das Ministerium Ende April 1918, aber es wird deutlich, dass man von den kirchlichen Oberbehörden erwartete, dass gegengesteuert würde.

Die Rottenburger Reaktion muss etwas überraschen. Statt willfährigen Gehorsam zu signalisieren, schrieb Sproll am 17. Mai 1918: „Von der Übung einzelner Gemeinden, das […] Zwölfuhrläuten um 1 Stunde hinauszuschieben, haben wir schon länger Kenntnis.“ Er sehe keinen Anlass, dies zu missbilligen, zumal sich das Bischöfliche Ordinariat schon immer gegen die Sommerzeit ausgesprochen habe. Man solle die Landbevölkerung nicht zwingen, sich nach der Sommerzeit zu richten. Sie orientiere sich nicht an einer verordneten Sommerzeit, sondern an der Sonnenzeit. Das Verschieben des Läutens betrachtete Sproll als „berechtigte Selbsthilfe“. Eine Antwort auf dieses Schreiben, das von Bischof Keppler unterzeichnet wurde, ist leider nicht überliefert.

Dekan Mosthaf aus Neckarsulm hatte bereits 1916 geschrieben, in seinem Dekanat wünsche man sich, die Sommerzeit möge „auf Nimmerwiederkehren aufgehoben werden“. Nach Kriegsende schien dieser Wunsch zunächst in Erfüllung gehen zu wollen. Doch das war bekanntlich nicht von Dauer: im Lesesaal des Diözesanarchivs gilt ab April auch heuer wieder die Sommerzeit.